Predigt an Heiligabend 2020

Predigt an Heiligabend 2020

24. Dezember 2020 Aus Von Imke Hansen

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend und in der Heiligen Nacht,

 

vor einiger Zeit sah ich eine Reportage im TV. Das Thema war mir bis dahin unbekannt. Es ging um „Babywatch“. Haben Sie schon mal davon gehört?

Nicht dass Sie jetzt an „Baywatch“ denken. Das ginge in eine komplett andere Richtung. Es geht um Babywatch.

Kennen Sie „Kindskiek“? Das habe ich schon ein paar Mal mitgemacht. „Kindskiek“ ist Plattdeutsch und bedeutet „Beschauen eines Neugeborenen“. Nach der Geburt werden Verwandte,  Freunde und Nachbarn eingeladen. Die kommen und bringen Geschenke mit. Und meistens auch ordentlich Durst, der mit Kaffee, Bier oder Schärferem gestillt wird. Man freut sich über das neue Leben und trinkt einen auf die Gesundheit des Kindes.

Die heiligen drei Könige haben nach Weihnachten „Kindskiek“ gemacht. Sie schenkten dem Kind Gold, Weihrauch und Myrrhe. Wichtger aber war das andere Geschenk, das sie dem Kind machten: Anbetung.

 

„Kindskiek“ kommt dem schon nahe, was „Babywatch“ ist, trifft es aber noch nicht wirklich.

Bei Babywatch geht es auch um einen Besuch. Aber nicht um einen Besuch, bei dem Kinder, Jugendliche oder Erwachsene ein Baby besuchen. Es ist anders. Umgekehrt. Ein Baby kommt nämlich zu Besuch.

In der Reportage war das Baby zu Besuch in einer Grundschulklasse. Aber nicht nur mal so zum Vorbeischauen, sondern oft und regelmäßig. Ein Jahr lang. Babywatch war ein Teil des Unterrichtsprogramms für ein ganzes Jahr. Die Schulkinder saßen im Kreis. In der Mitte war das Baby auf einer Kuscheldecke mit seiner Mutter. Alle schauten auf das Baby und auf seine Mutter. Mit im großen Stuhlkreis saß eine Frau, die mit den Kindern sprach und Impulse für den Austausch setzte.

Warum macht man das? Warum sollen Grundschulkinder ein Jahr lang ein Baby im Unterricht anschauen?

Die Antwort ist einfach: es gibt was zu lernen. Ich greife drei Sachen heraus, die zu einem positiven Lernergebnis bei den Schulkindern führten.

Die Kinder wurden feinfühliger und empahtischer, also mitfühlender.

Die Kinder wurden weniger ängstlich.

Die Kinder wurden weniger aggressiv.

 

Eine Art Babywatch haben wir auch an Weihnachten. Jesus wird geboren. Gott kommt zu uns, in diesem kleinen Baby. Gott besucht seine Menschen, seine Schöpfung. Als Babywatcher können wir alle singen: „Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh, Maria und Joseph betrachten es froh.“ Wir schauen auch auf das Kind und betrachten es froh. An Weihnachten ist für uns Babywatch angesagt.

Und wissen Sie was? Beim Betrachten dieses Kindes könnten auch wir feinfühliger und empathischer, weniger ängstlich und weniger aggresiv werden. Auch wenn unsere Grundschulzeit lange vorbei ist.

Was uns das heute zu sagen hat, darauf gehe ich gleich noch näher ein. Kurz noch etwas anderes.

Vielleicht überrasche ich Sie jetzt mit der Information, dass die Weihnachtszeit in der Kirche bis Anfang Februar dauert… Das sind gut 5 Wochen.

Gefühlt dauert Weihnachten bei uns viel kürzer. Da sind noch die Tage zwischen den Jahren, aber dann kommt schon der Jahreswechsel und Sylvester, und dann hat uns der Alltag wieder. Der Baum ist Anfang Januar schon abgeschmückt und rausgebracht.

 

Die Kinder in der Grundschule haben 1 Jahr lang Babywatch gemacht. Sie haben das Baby gesehen, wie es sich entwickelte: wie es spielte, gestillt wurde, Zähne bekam, zu sprechen anfing und laufen lernte. Den aufrechten Gang, der uns alle auszeichnet.

Wenn wir – gefühlt – nur ein paar Weihnachtstage, vielleicht auch nur -stunden haben, um Babywatch zu machen, könnten wir auf etwas zurückgreifen, was uns hilft, den Blick zu weiten. Wir könnten Vorausschauen und Vorwegnehmen. Wir könnten all das in die Betrachtung dieses Babys legen, was wir schon von ihm wissen. Und in diesem Betrachten könnte etwas zu uns kommen, was uns feinfühliger und empathischer, weniger ängstlich und weniger aggressiv macht.

 

Fangen wir mal mit dem ersten Punkt an. Wie kann uns Babywatch an Weihnachten feinfühliger und empathischer machen?

Vor einiger Zeit sprach ich mit einem jungen Vater. Seine Tochter war ungefähr drei Jahre alt. In dem Gespräch sagte ich, dass wir Erwachsenen viel von Kindern lernen könnten und dass Jesus die Kinder als Vorbild für die Erwachsenen hinstellt. Da brach es spontan aus dem jungen Vater hervor: Das stimmt. Ich habe gelernt, was es heißt, bedingungslos zu lieben: ohne Gegenleistung. Ich habe gelernt, mein Kind anzunehmen, wie es ist. Es nicht nur anzunehmen, wenn es in meine Vorstellung und in mein Schema passt.

Was hatte dieser junge Vater? Genau: Babywatch. Aus nächster Nähe. Seine Tochter hat ihn verändert. Sein Baby hat ihm emotionale Dimensionen vermittelt, die er vorher nicht kannte. Er wurde feinfühliger und empathischer. Sein Kind brachte ihn dazu zu verstehen und zu fühlen, was es heißt, bedingungslos zu lieben. Was für ein kostbarer Schatz.

 

Bei Jesus können wir auch bedingungslose Liebe lernen. Er bindet seine Liebe nicht an Vorleistung. Er heilt, er vergibt, er nimmt an ohne Bedingung. Damit vermittelt er uns die Liebe Gottes. Die Liebe Gottes ist bedingungslos. Das ist die schönste und größte Aussage, die wir über Gott machen können. Religionen und kirchliche Institute vermitteln oft den Eindruck, dass Gott uns erst liebt, wenn wir ein wohlgefälliges Leben vorweisen können oder uns für Gott entschieden haben. Das Verblüffende an der Liebe Gottes ist, dass Gott uns zuerst geliebt hat. Bevor wir irgendwas Gutes vorzuweisen haben. Bevor wir glauben. Bevor wir uns für Gott entscheiden. Die Bibel, genauer gesagt der Apostel Paulus, bringt das auf den Punkt. Er schreibt in seinem Brief an die Römer im 5. Kapitel: Gott erwies uns in Christus seine Liebe, bevor wir Gott kannten oder an ihn glaubten. Ich versuche gerade die drastischen Worte von Paulus abzumildern. Er drückt es wörtlich so aus: Gott erwies uns seine Liebe, als wir noch gottlos waren.

Das stellt vieles auf den Kopf, was wir von Gott zu wissen meinen. Aber genau darum wird Gott Mensch. Damit uns auf menschliche Weise – und heute durch das Baby Jesus – aufgeht, wie Gott ist: bedingungslos liebend.

 

Wussten Sie, dass Hirten zur Zeit Jesu auf der untersten Stufe der sozialen Treppe standen? Hirten waren Niedriglöhner. Sie hatten nicht viel und galten nicht viel. Annähernd vergleichbar mit Obdachlosen heute. Nur mit Job. Hirten standen am Rand der Gesellschaft und bekamen das auch zu spüren.

Und was lesen wir in der Bibel? Die Hirten sind die ersten Gäste an der Krippe. Als Erste eingeladen vom Himmel selbst. Die Hirten mussten sich nicht als würdig erweisen für diese Ehre. Für Gott waren sie Gott würdig genug, um als Erste Babywatch zu machen. Keine Vorleistung. Randständige, verachtete Hirten. Keine Promis. Nicht der König. Nicht die Reichen und Schönen. Für die Menschen der damaligen Zeit war das nicht nur überraschend, sondern sicher auch skandalös. Für die Hirten war das erfreulich und befreiend. Davon haben sie weiter erzählt. Das konnten sie nicht für sich behalten.

In dem Moment allerdings, als die Engel das Hirtenfeld belagerten, war den Hirten auch mulmig zumute. Klar, das war so was von überwältigend. Der Himmel tut sich auf. Keiner hatte das vermutet oder beschworen. „Wer weiß, was uns da blüht?“ werden die Hirten gedacht haben. Sie hatten Angst. Und dann hören sie die erlösenden Worte aus Engelsmund: Fürchtet euch nicht!

 

Fürchtet euch nicht! Dieser kurze Satz führt uns wieder zu unserem Babywatch-Thema. Denn darin ging es ja um einen weiteren, zweiten Lerneffekt der Grundschüler, der mit „Fürchtet euch nicht!“ zu tun hat: die Schüler wurden weniger ängstlich.

Angst kann ein Schutz sein. Angst kann aber auch ein schlechter Ratgeber sein und das Leben eng machen. Angst kann zu einer lebensfeindlichen Macht werden. Viele Menschen sind von Ängsten gebeutelt. In Angst lebt man wie in einer Art Gefängnis.

Was hilft gegen die Angst? Was meinen Sie? Ich meine, das beste Mittel gegen die Angst ist Vertrauen.

Solches Vertrauen kann man an einem Baby sehr gut ablesen. Das Baby vertraut. Total. Die Eltern sind da. Die Mutter gibt zu essen. Zuerst Milch. Später feste Speise. Da ist die freundliche Ansprache, das Trösten, das Wickeln und Waschen. Da ist das Gesicht, das sich leuchtend über das Baby beugt und das Lied, das sanft in den Schlaf wiegt.  Die liebende und fürsorgliche Gegenwart der Eltern vermitteln dem Kind eine große Geborgenheit. Die Psychologen reden vom sogenannten Urvertrauen, mit dem Babys ausgestattet sind.

 

Dieses Urvertrauen haben die Grundschüler immer wieder neu an dem Baby in Beziehung zu seiner Mutter gesehen. Das Baby wurde eine Art Vorbild dafür, wie Vertrauen geht und wie es sich anfühlt. Wer so Vertrauen lernt, wird weniger ängstlich.

Bei dem Baby in der Krippe können wir auch Vertrauen abschauen und lernen. Lesen Sie mal die Evangelien. Jesus lebt vor, wie es geht, Gott zu vertrauen. Er pflegt eine innige Beziehung zu seinem Vater im Himmel. Im Gebet, aber auch in seinen Worten und Taten. Jesus ist ganz geleitet von Gottes Liebe. Darum heilt er Kranke. Darum speist er Hungernde. Darum richtet er Gestrauchelte auf. Darum widersteht er den Frommen, die aus dem Vertrauen auf Gott eine erbarmungslose Gesetzesreligion gemacht hatten.

Im Laufe der Zeit verlieren wir als Erwachsene oft das Ur-Vertrauen. Wir erleben so viel, was uns den Eindruck vermittelt, dass Vertrauen sich nicht lohnt. Dass Vertrauen missbraucht wird. Dann werden wir egoistisch, weil wir meinen, uns nur noch auf uns selbst verlassen zu können. So werden wir vorsichtig und mißtrauisch. Und nicht selten wird auch Gott in dieses Mißtrauen hineingezogen.

Eine Schwester des Mißtrauens ist die Angst. Die wachsen meistens zusammen auf. Und zerstören uns von innen heraus.

Weihnachten möchte uns nahelegen, Vertrauen in Gott zu fassen. Jesus vermittelt uns einen Gott, an den wir angstfrei glauben können. Weil Gott die Liebe ist, die uns kennt und sieht und rettet.

 

Abschließend möchte ich noch den dritten Punkt aus der Babywatch-Aufzählung ansprechen. Die Schüler wurden durch das Babywatchen weniger aggressiv.

Das Bild von Mutter und Kind in der Grundschule strahlte etwas aus, was auf die Schüler, die das sahen, überging. Mutter und Kind bildeten eine Einheit. Das Baby war zufrieden, glücklich, geborgen, friedlich. Jeder Entwicklungsschritt wurde freudig begrüßt und beklatscht. Die Beziehung von Mutter und Kind war harmonisch, wirkte leicht und frei. Auch: aggressionsfrei. Aggressionen gegen Kinder gehören zu den schlimmsten Handlungen, die wir kennen. Was die Schüler sahen, war ein Stück weit heile Welt. So wie es sein sollte. Harmonisch und friedlich. Mag sein, dass einige der Schüler ihre Kindheit anders erfahren haben. Weniger harmonisch. Weniger friedlich. Aber sie haben an dem Baby und seiner Mutter gesehen, dass es anders möglich ist. Sie wurden weniger aggressiv.

Ich möchte das mit der Botschaft verbinden, die die Engel an Weihnachten verkünden. Friede auf Erden.

Friede auf Erden durch dieses Baby in der Krippe. Friede auf Erden nicht als Traum sondern als Realität. Friede auf Erden nicht als Eintagsfliege, morgen oder übermorgen verflogen. Friede auf Erden als als ein Zustand, der bleibt.

Mit Jesus hat das Reich Gottes angefangen. Mitten unter uns. Ein Wesensmerkmal des Reiches Gottes ist Schalom, das hebräische Wort für Friede. Schalom ist aber nicht nur die Abwesenheit von Krieg, Gewalt und Aggression. Schalom ist das, was aus der Liebe zu Gott und den Menschen geboren wird. Eine Macht, die alles durchdringt und das Leben schön, erfreulich und lebenswert macht für alle.

Wenn Gott in dem Baby Jesus zu uns kommt, ist das eine Ansage. Gott sagt: schau, ich komme zu euch ohne Gewalt. Ohne Waffen. Ohne Rüstung. Ohne Raketen. Ohne alles, was ihr Menschen so wichtig nehmt und damit auf Unfrieden und Tod setzt, aber nicht auf das Leben. Ich komme zu euch nackt, hilfsbedürftig, verletzlich. Das ist Gottes Art, zu uns zu kommen.

 

Ich lade Sie ein, Weihnachten als eine Gelegenheit zu sehen, Babywatch zu machen. Ich lade Sie ein, dieses Babywatchen über Weihnachten hinaus zu betreiben. Z.B. ein Jahr lang, wie die Schüler in der Grundschule. Das Kirchenjahr bietet mit seinen seinen Zeiten und Festen – verbunden mit den dazu gehörenden biblischen Geschichten – eine gute Vorlage für ein Ausdehnen dessen, was wir an Weihnachten mit Babywatch beginnen.

Lassen Sie zu, dass dieses Kind in der Krippe Sie feinfühliger und empathischer macht. Fassen Sie Vertrauen in die Liebe Gottes. Das Kind in der Krippe ist Gottes vertrauensbildende Maßnahme für uns Menschen. Seien Sie nicht überrascht, wenn Sie durch die wie auch immer geartete Beziehung zu diesem Kind weniger ängstlich und weniger aggressiv werden. Denn so bewahrheitet sich durch dieses Kind, was wir heute darüber aus Engelsmund hören:

„Fürchtet euch nicht!“ und „Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen“.

 

Frohe Weihnachten!

Ihr Pastor